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Abnehmspritze und Psyche: Was sich bei Appetit und Essverhalten verändern kann

  • Autorenbild: Patrick Georg
    Patrick Georg
  • 5. Aug.
  • 13 Min. Lesezeit
Ein schlichter Esstisch mit Teller und Notizbuch steht für Veränderungen des Essverhaltens und die psychologische Begleitung einer Gewichtsabnahme.

Auf einen Blick: Was Sie heute mitnehmen können


  • Appetit, Sättigung und Verlangen können sich verändern: Manche Menschen sind beim Essen früher satt, denken seltener an bestimmte Lebensmittel oder verspüren seltener den Drang, weiterzuessen.

  • Mehrere Faktoren können das Körpergewicht beeinflussen: Gene, Erkrankungen, Medikamente, Schlaf und Lebensbedingungen können dabei eine Rolle spielen. Psychische Belastungen können bei manchen Menschen das Essverhalten beeinflussen.

  • Essen kann beruhigen oder trösten: Auch bei geringerem Appetit können belastende Gefühle weiterhin bestehen.

  • Eine Gewichtsabnahme kann unterschiedlich erlebt werden: Manche Menschen fühlen sich im Alltag beweglicher oder sicherer. Andere brauchen Zeit, sich an den veränderten Körper zu gewöhnen.

  • Das Körpergewicht kann nach dem Ende der Behandlung wieder steigen: In Studien nahm das Gewicht nach Behandlungsende häufig wieder zu. Das sagt nichts über Willenskraft oder persönliches Versagen aus.

Es ist kurz nach neun am Abend. Der Arbeitstag war anstrengend, ein Gespräch ist schlecht gelaufen, und zu Hause wartet noch eine Nachricht, bei der Sie nicht wissen, wie Sie antworten sollen.


Früher wären Sie jetzt vielleicht zum Küchenschrank gegangen. Etwas Süßes, Chips oder eine zweite Portion vom Abendessen. Nicht unbedingt aus körperlichem Hunger, sondern eher, weil Essen für einige Minuten beruhigt, ablenkt oder den Übergang in den Feierabend begleitet hat.


Seit Beginn der Behandlung ist der Appetit geringer. Auch der Drang zu essen fällt schwächer aus. Das schwierige Gespräch, die Anspannung und die offene Nachricht sind weiterhin da.


In diesem Moment kann eine neue Frage entstehen: Was mache ich mit dem, was mich gerade belastet, wenn der Impuls zu essen schwächer geworden ist?


Nicht jeder Mensch, der ein GLP-1-Medikament verwendet, kennt diese Frage. Manche denken seltener an Essen und erleben das als Erleichterung. Andere bemerken, dass bestimmte Essgewohnheiten mit Stress, Einsamkeit, Belohnung oder festen Tagesabläufen verbunden sind.


Der umgangssprachliche Begriff „Abnehmspritze“ fasst unterschiedliche verschreibungspflichtige Medikamente und Anwendungsbereiche zusammen. Dieser Beitrag bewertet keine Indikation, kein Präparat und keine Dosierung. Fragen zu Verordnung, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen oder dem Ende der Behandlung sollten mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.


Im Mittelpunkt steht eine andere Frage: Was kann sich psychisch verändern, wenn Appetit, Verlangen und häufige Gedanken ans Essen abnehmen?



Was GLP-1-Medikamente im Körper verändern können


GLP-1-Medikamente wurden zunächst zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt. Einige Wirkstoffe oder Wirkstoffkombinationen sind inzwischen auch zur langfristigen Behandlung von Adipositas zugelassen. Sie können unter anderem die Magenentleerung verzögern, das Sättigungsgefühl verstärken und Appetit sowie Nahrungsaufnahme verringern.¹


Diese Wirkungen beruhen auf körperlichen Vorgängen. Wie stark Appetit, Verlangen oder Gedanken ans Essen ausgeprägt sind, erlaubt kein Urteil darüber, wie viel Disziplin ein Mensch hat. Viele Betroffene berichten, dass gerade diese Vorgänge ihren Alltag vor Beginn der Behandlung stark bestimmt haben.


Für die weitere Einordnung ist es sinnvoll, mehrere Vorgänge zu unterscheiden:


Körperlicher Hunger beschreibt das wahrgenommene Bedürfnis zu essen. Er kann sich zum Beispiel durch ein leeres oder knurrendes Gefühl im Magen und nachlassende Energie bemerkbar machen.


Appetit bezeichnet den Wunsch zu essen, auch wenn körperlicher Hunger gerade keine große Rolle spielt.


Starkes Verlangen nach Essen, auch als „Food Craving“ bezeichnet, kann sich auf ein bestimmtes Lebensmittel oder eine bestimmte Art von Lebensmitteln richten und als besonders dringlich erlebt werden.


Häufige Gedanken ans Essen können bedeuten, dass bereits während einer Mahlzeit an die nächste gedacht wird, Lebensmittel fortlaufend bewertet werden oder Essen einen großen Teil der täglichen Planung einnimmt. Dafür wird inzwischen häufig der Ausdruck „Food Noise“ verwendet. Er beschreibt wiederkehrende oder aufdringliche Gedanken rund ums Essen, bezeichnet aber keine eigenständige Diagnose.


Ein Medikament kann diese Bereiche unterschiedlich beeinflussen. Manche Menschen berichten von früherer Sättigung. Andere haben weniger Appetit oder denken seltener an Essen. Wieder andere nehmen vor allem wahr, dass bestimmte Lebensmittel weniger anziehend wirken.


Die Wirkung kann sich im Laufe der Behandlung verändern. Medizinische Fragen dazu sollten mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.



Welche Faktoren das Körpergewicht beeinflussen können


Übergewicht und Adipositas werden im Alltag häufig auf eine einfache Erklärung reduziert: zu viel gegessen, zu wenig bewegt, zu wenig durchgehalten.


Für Adipositas beschreibt die Weltgesundheitsorganisation ein deutlich komplexeres Bild. Sie ordnet Adipositas als chronische, wiederkehrende Erkrankung ein, bei der genetische Voraussetzungen, neurobiologische Vorgänge, Essverhalten, Lebensbedingungen, der Zugang zu geeigneten Lebensmitteln und weitere Umweltfaktoren zusammenwirken können.¹


Im Einzelfall können auch Erkrankungen, Medikamente, eingeschränkte Beweglichkeit oder seltene genetische Ursachen beteiligt sein. Welche Faktoren im konkreten Fall bedeutsam sind, lässt sich aus dem Körpergewicht allein nicht erkennen.


Psychische Belastungen können die Gewichtsentwicklung und wiederkehrende Essgewohnheiten beeinflussen. Umgekehrt können Abwertung, Scham oder wiederholte Diäterfahrungen psychisch belasten.


Ein Beispiel: Jemand isst regelmäßig nach belastenden Arbeitstagen große Mengen – Stress, Schlafmangel und frühere Diäten können hier zusammenwirken. Ein anderer Mensch mit ähnlichem Gewicht kennt kaum emotionales Essen; bei ihm spielen möglicherweise Medikamente, Erkrankungen oder Schichtarbeit die größere Rolle.


Die Aussage „Die Psyche steckt dahinter“ wäre deshalb ebenso ungenau wie die Behauptung, psychisches Erleben habe mit Gewicht grundsätzlich nichts zu tun.


Aufschlussreicher können konkrete Fragen sein:


  • In welchen Situationen wird gegessen?

  • Wie stark sind Hunger, Appetit und Verlangen?

  • Welche Rolle spielen Schlaf, Arbeitszeiten und verfügbare Lebensmittel?

  • Gibt es Erkrankungen oder Medikamente, die ärztlich berücksichtigt werden müssen?

  • Wird Essen genutzt, um mit bestimmten Gefühlen oder Situationen umzugehen?

  • Welche Erfahrungen hat ein Mensch über die Jahre mit seinem Körper und dessen Bewertung gemacht?


Diese Fragen können dabei unterstützen, mögliche Ursachen und Einflussfaktoren im jeweiligen Alltag genauer zu erkennen. Dabei geht es nicht darum, das Körpergewicht auf eine einzige Erklärung zurückzuführen, sondern das Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu betrachten.



Welche Funktion Essen in belastenden Situationen haben kann


Essen dient nicht ausschließlich der Versorgung mit Energie und Nährstoffen. Es gehört auch zu Feiern, Familienritualen, Begegnungen und Erholung. Es kann Genuss bedeuten und einen Tag strukturieren.


In belastenden Situationen kann Essen zusätzlich eine bestimmte Funktion haben.


Nach einem Streit kann es beruhigen. Nach einem langen Arbeitstag kann es als Belohnung erlebt werden. An einem einsamen Sonntag kann eine Mahlzeit Beschäftigung und einen festen Ablauf geben. Wer den ganzen Tag Anforderungen erfüllt, erlebt das Essen am Abend möglicherweise als eine der wenigen Zeiten, in denen nichts mehr geleistet werden muss.


Das bedeutet noch keine Essstörung. Auch ein gelegentliches Trostessen erlaubt keine Aussage über die Ursache des Körpergewichts.


Genauer hinzusehen kann sinnvoll sein, wenn Essen häufig zu einer zentralen Reaktion auf bestimmte Belastungen wird. Dann kann sich ein wiederkehrender Ablauf entwickeln:


Nach einer belastenden Situation nimmt der Wunsch nach einem bestimmten Essen zu. Während des Essens kann die Anspannung für kurze Zeit nachlassen. Danach können Scham, Selbstkritik oder der Vorsatz entstehen, am nächsten Tag besonders streng auf die Ernährung zu achten.


Eine GLP-1-Behandlung kann diesen Ablauf an einzelnen Stellen verändern. Der Appetit kann geringer ausfallen, vertraute Speisen können weniger anziehend wirken und die Sättigung früher einsetzen. Dadurch wird die Mahlzeit möglicherweise früher beendet.


Der Streit am Arbeitsplatz ist damit nicht geklärt. Die Einsamkeit am Sonntag besteht weiterhin. Auch das Bedürfnis nach Ruhe, Zuwendung oder einer verlässlichen Unterbrechung der täglichen Anforderungen kann weiter vorhanden sein.


Daraus folgt nicht, dass hinter dem Essverhalten eine verborgene psychologische Ursache liegen muss. Sichtbar werden kann jedoch, welche Funktion Essen in bestimmten Situationen bisher hatte.


Manche Menschen möchten an dieser Stelle nichts weiter untersuchen. Andere wollen genauer verstehen, welche psychischen Belastungen, Gefühle oder Situationen ihr Essverhalten beeinflussen, weshalb in bestimmten Momenten ein starker Essimpuls entsteht und welche anderen Möglichkeiten es geben kann, mit diesen Situationen umzugehen.



Wie sich Appetit, Verlangen und Gedanken ans Essen verändern können


Bisher liegen nur begrenzte Studien dazu vor, wie sich verschiedene Formen des Essverhaltens unter einer Behandlung mit GLP-1-Medikamenten entwickeln. Die Ergebnisse erlauben noch keine allgemeine Aussage.


Eine japanische Beobachtungsstudie begleitete 92 Menschen mit Typ-2-Diabetes über zwölf Monate. Untersucht wurden drei Formen des Essverhaltens: Essen aufgrund äußerer Reize wie Geruch oder Anblick, emotionales Essen und die bewusste Einschränkung des Essens zur Gewichtskontrolle.²


Die Fragebogenwerte für Essen aufgrund äußerer Reize waren nach drei Monaten niedriger und blieben auch nach zwölf Monaten unter dem Ausgangswert. Die Werte für emotionales Essen waren nach drei Monaten ebenfalls gesunken, lagen nach zwölf Monaten jedoch wieder ungefähr auf dem Ausgangsniveau. Ein hoher Ausgangswert beim emotionalen Essen stand in dieser Studie nicht mit einer geringeren Gewichtsabnahme in Zusammenhang.²


Die Studie war klein, hatte keine Kontrollgruppe und erfasste das Essverhalten anhand von Selbstauskünften. Nach zwölf Monaten lagen dafür noch Daten von 70 Teilnehmern vor. Aus den Ergebnissen lässt sich deshalb nicht ableiten, wie GLP-1-Medikamente emotionales Essen allgemein oder ursächlich verändern.


Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass sich verschiedene Formen des Essverhaltens im Verlauf einer Behandlung unterschiedlich entwickeln können. Essen als Reaktion auf den Geruch oder Anblick von Lebensmitteln ist nicht dasselbe wie Essen in einem belastenden oder traurigen Moment.


Eine qualitative Studie aus dem Jahr 2026 befragte 30 Anwender zu ihren Erfahrungen. 27 der 30 Teilnehmer hatten Typ-2-Diabetes. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nur eingeschränkt auf Menschen ohne Typ-2-Diabetes übertragen, die GLP-1-Medikamente zur Behandlung von Adipositas verwenden. Die Mehrheit berichtete von weniger Appetit und weniger aufdringlichen Gedanken ans Essen. Einige beschrieben zudem ein schwächeres Verlangen und die Möglichkeit, Entscheidungen rund ums Essen bewusster zu treffen.³


Solche Interviews geben Einblick in persönliche Erfahrungen. Sie erlauben jedoch keine Aussage darüber, wie häufig diese Veränderungen bei allen Anwendern auftreten.


Ein belastender Abend kann dann anders verlaufen. Der Wunsch nach Essen ist möglicherweise schwächer. Die Person kann bei sich weiterhin Ärger, Müdigkeit oder Einsamkeit spüren. In diesem Moment kann sie bewusster entscheiden, ob sie etwas essen oder anders mit der Situation umgehen möchte. Sie kann zum Beispiel mit jemandem sprechen, den Konflikt für den nächsten Tag notieren, zur Ruhe kommen oder früh schlafen gehen.


Essen bleibt dabei eine mögliche Reaktion. Verändern kann sich, wie stark der Impuls ausgeprägt ist und ob daneben weitere Möglichkeiten wahrgenommen werden.


Vier Bereiche zeigen, wie sich Appetit und Essgewohnheiten verändern können, während Stress oder andere Belastungen weiterhin bestehen.


Was nach einer Gewichtsabnahme psychisch belasten kann


Eine deutliche Gewichtsabnahme kann manche Bereiche des Alltags erleichtern. Einige Menschen berichten, dass ihnen Bewegung oder bestimmte Aktivitäten leichter fallen. Auch das Körperbild kann sich verbessern. Dennoch werden der veränderte Körper und die Reaktionen darauf sehr unterschiedlich erlebt.


Wie sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers verändern kann


Der Körper kann sich innerhalb weniger Monate deutlich verändern. Die eigene Wahrnehmung verändert sich jedoch nicht immer im gleichen Tempo.


Manche Menschen greifen im Geschäft zunächst weiterhin zu früheren Kleidergrößen. Andere nehmen die Veränderung auf Fotos oder im Spiegel weniger deutlich wahr, als sie erwartet hatten. Wieder andere kontrollieren ihr Gewicht sehr häufig und erleben bereits kleine Schwankungen als Warnzeichen.


Auch Komplimente können unterschiedliche Reaktionen auslösen, etwa Freude, aber auch die Frage, wie andere den eigenen Körper vorher bewertet haben. Frühere abwertende Kommentare können trotz der Veränderung nachwirken.


Wie andere Menschen reagieren können


Eine Gewichtsabnahme kann Beziehungen und gemeinsame Gewohnheiten verändern.


Menschen im näheren Umfeld können sich über neue gemeinsame Aktivitäten freuen. Andere reagieren möglicherweise unsicher, wenn sich Gewohnheiten oder das Auftreten verändern. Auch neugierige Fragen, Anerkennung, Kritik oder eine Abwertung der Behandlung sind möglich.


Gemeinsame Essrituale können sich ebenfalls verändern. Wer früher am Wochenende ausgiebig gekocht hat, isst nun vielleicht kleinere Portionen oder hat weniger Interesse an bestimmten Speisen. Wenn sich dadurch Unsicherheiten oder Spannungen im Miteinander ergeben, kann es sinnvoll sein, über Erwartungen und gemeinsame Gewohnheiten zu sprechen.


Was nach dem Ende der Behandlung geschehen kann


Die Entscheidung über die Dauer, einen Wechsel oder das Ende der Behandlung gehört in ärztliche Hände.


In kontrollierten Studien wurde nach dem Ende der Behandlung häufig eine erneute Gewichtszunahme beobachtet. In der Verlängerung der STEP-1-Studie nahm die untersuchte Gruppe im darauffolgenden Jahr durchschnittlich etwa zwei Drittel des zuvor verlorenen Gewichts wieder zu. Auch die meisten untersuchten kardiometabolischen Werte bewegten sich wieder in Richtung der Ausgangswerte.⁴


Die Verlängerungsstudie umfasste 327 Personen ohne Diabetes und bezog sich auf eine Behandlung mit Semaglutid. Ihre Ergebnisse lassen sich deshalb nicht uneingeschränkt auf jedes GLP-1-Medikament und jede Behandlungssituation übertragen.


Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass eine erneute Gewichtszunahme eine Folge mangelnder Disziplin oder unzureichend bearbeiteter Essmuster sei. Diese Fragen wurden in der Studie nicht untersucht.


Die Ergebnisse passen zur Einordnung von Adipositas als chronische, wiederkehrende Erkrankung. Die Möglichkeit einer erneuten Gewichtszunahme kann trotzdem große Sorgen auslösen. Manche kontrollieren Essen und Gewicht zunehmend streng oder erleben bereits kleine Veränderungen als persönliches Versagen.


Wenn diese Sorge viel Raum im Alltag einnimmt, kann eine psychologische Begleitung den Umgang mit Angst, Selbstabwertung und strengem Kontrollverhalten in den Blick nehmen. Die medizinischen Entscheidungen bleiben davon getrennt.



Wann psychologische Begleitung zusätzlich sinnvoll sein kann


Nicht jeder Mensch, der ein GLP-1-Medikament verwendet, benötigt eine psychologische Begleitung. Aus dem Körpergewicht allein lässt sich nicht ableiten, ob eine solche Begleitung sinnvoll ist.


Eine psychologische Begleitung kann sinnvoll sein, wenn konkrete Belastungen auftreten:


  • Essen wird regelmäßig genutzt, um Stress, Einsamkeit, Ärger oder Traurigkeit für eine Weile weniger zu spüren.

  • Mit dem geringeren Appetit fallen vertraute Pausen, Belohnungen oder Rituale weg, ohne dass andere Möglichkeiten dafür gefunden wurden.

  • Essanfälle, Erbrechen, stark eingeschränktes Essen oder eine ausgeprägte Angst vor dem Essen oder einer Gewichtszunahme treten auf.

  • Gedanken an Gewicht, Kalorien oder Körperform bestimmen einen großen Teil des Tages.

  • Die körperlichen Veränderungen belasten das Selbstbild oder Beziehungen.

  • Die Sorge vor einer erneuten Gewichtszunahme führt zu häufigem Wiegen, strengen Regeln oder sozialem Rückzug.

  • Scham und Selbstabwertung bleiben bestehen, obwohl sich das Gewicht verändert hat.


Bei Essanfällen, Erbrechen, stark eingeschränktem Essen, ausgeprägter Angst vor einer Gewichtszunahme oder einer aktuellen oder früheren Essstörung ist eine ärztliche und psychotherapeutische Einschätzung besonders wichtig. Eine deutliche Appetitreduktion und bereits bestehendes restriktives Essverhalten sollten dabei gemeinsam betrachtet werden.


In einer psychologischen Begleitung kann genauer betrachtet werden, was dem Essen unmittelbar vorausgeht, welche Gefühle oder Belastungen den Essimpuls beeinflussen und was sich während des Essens für kurze Zeit verändert. Ebenso kann es darum gehen, welche anderen Möglichkeiten sich im Umgang mit diesen Situationen im Alltag ausprobieren lassen. Auch Kommentare anderer oder strenge Regeln rund um Gewicht und Essen können zusätzlichen Druck erzeugen.


Wer solche Zusammenhänge bereits gut versteht und dennoch in vertraute Reaktionen zurückkehrt, kann erleben, dass Einsicht allein nicht ausreicht, um das Verhalten im entscheidenden Moment zu verändern. Der Beitrag Wenn Verstehen nicht reicht beschreibt genauer, weshalb neue Erfahrungen und die konkrete Wahrnehmung im Moment eine zusätzliche Rolle spielen können.


Die medizinische Indikation, die Auswahl des Medikaments und die Dauer der Behandlung gehören in ärztliche Hände. Psychologische Begleitung kann sich damit befassen, welche Belastungen, Gefühle und Situationen das Essverhalten beeinflussen, wie der veränderte Körper erlebt wird und welche anderen Möglichkeiten im Alltag entwickelt werden können.



Impulse für den Alltag


Veränderungen bei Appetit und Essverhalten können zunächst ungewohnt sein. Manche Menschen denken deutlich seltener an Essen. Andere bemerken, dass bestimmte Tageszeiten, Konflikte oder Gefühle weiterhin mit einem Essimpuls verbunden sein können.


Die folgenden Impulse ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Einschätzung. Sie können dabei unterstützen, einzelne Situationen genauer zu betrachten und mögliche Zusammenhänge zu erkennen, ohne das Körpergewicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen.


  • Einen konkreten Essmoment beschreiben: Eine Möglichkeit ist, den Zeitpunkt, die vorausgegangene Situation, den körperlichen Hunger und den Wunsch nach einem bestimmten Lebensmittel getrennt festzuhalten.

  • Die bisherige Funktion des Essens benennen: Es kann aufschlussreich sein, ob Essen in diesem Moment beruhigen, belohnen, ablenken, beschäftigen oder eine Unterbrechung von belastenden Gedanken und Anforderungen ermöglichen sollte.

  • Veränderungen ohne Bewertung notieren: Weniger Appetit, frühere Sättigung oder weiterhin vorhandenes Verlangen sind zunächst Beobachtungen. Daraus muss kein Urteil über Erfolg, Versagen oder die eigene Person entstehen.

  • Eine kleine Handlung ausprobieren: In einer belastenden Situation kann ein kleiner, konkreter Schritt leichter umsetzbar sein als eine umfassende Veränderung. Das kann ein Anruf, eine Dusche, zehn Minuten Ruhe oder eine klare Nachricht an eine andere Person sein.

  • Medizinische Fragen sammeln: Veränderungen bei der Wirkung, mögliche Nebenwirkungen, eine sehr geringe Nahrungsaufnahme, Veränderungen des Gewichts oder Fragen zum Ende der Behandlung können notiert und mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.



Begleitung in Rosenheim


Manche Menschen berichten nach einer deutlichen Gewichtsabnahme von großer Erleichterung. Andere erleben, dass der Drang zu essen geringer ist, belastende Gefühle oder Situationen aber weiterhin vorhanden sind.


Im Gespräch kann dann zunächst eine einzelne Situation betrachtet werden. Was ist zuvor geschehen? Gab es körperlichen Hunger oder stand eher der Wunsch nach Beruhigung, Ablenkung oder Belohnung im Vordergrund? So kann deutlicher werden, welche Funktion Essen bisher hatte und welche anderen Möglichkeiten im Umgang mit der Situation infrage kommen.


Auch das veränderte Körperbild kann Thema sein. Die bisherige Kleidung passt möglicherweise nicht mehr, während sich das eigene Bild vom Körper noch kaum verändert hat. Kommentare anderer können Freude, Ärger oder Misstrauen auslösen. Ebenso kann die Sorge vor einer erneuten Gewichtszunahme viele Entscheidungen beeinflussen.


Dabei geht es nicht darum, das Körpergewicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Im Mittelpunkt steht, welche Belastungen, Gefühle und Gewohnheiten im persönlichen Alltag eine Rolle spielen und welche anderen Wege im Umgang damit entwickelt werden können.



Einladung zum Erstgespräch


Wenn sich durch eine Gewichtsabnahme Fragen zu Essverhalten, Selbstbild, Scham oder dem Umgang mit belastenden Situationen ergeben haben, kann ein erstes Gespräch der individuellen Einordnung dienen.


Ich lade Sie zu einem kostenlosen telefonischen Erstgespräch ein – einem ersten, vertraulichen Gespräch, in dem Sie in Ruhe schauen können, ob sich der Kontakt für Sie stimmig anfühlt und ob das, was Sie beschäftigt, hier einen Platz hat. Ohne Verpflichtung, in Ihrem eigenen Tempo.


Für weitere Informationen besuchen Sie auch gerne meine Website unter www.patrickgeorg.de.



Hat Übergewicht immer eine psychologische Ursache?

Nein. Aus dem Körpergewicht allein lässt sich keine bestimmte Ursache ableiten. Gene, neurobiologische Vorgänge, Erkrankungen, Medikamente, Schlaf, Lebensbedingungen, Essverhalten und psychische Belastungen können in unterschiedlicher Gewichtung zusammenwirken. Bei manchen Menschen spielt emotionales Essen eine wichtige Rolle, bei anderen kaum.


Können GLP-1-Medikamente emotionales Essen verändern?

Das ist möglich. In der japanischen Beobachtungsstudie waren die Fragebogenwerte zum emotionalen Essen nach drei Monaten niedriger, lagen nach zwölf Monaten jedoch wieder ungefähr auf dem Ausgangsniveau. Aus der Studie lässt sich nicht vorhersagen, wie sich emotionales Essen bei einzelnen Menschen entwickelt.²


Bedeutet eine Gewichtszunahme nach dem Ende der Behandlung, dass psychische Ursachen nicht ausreichend bearbeitet wurden?

Das lässt sich daraus nicht ableiten. In der Verlängerung der STEP-1-Studie nahm das Gewicht nach dem Ende der Behandlung mit Semaglutid häufig wieder zu. Ob und in welcher Form psychische Ursachen oder Essgewohnheiten zuvor bearbeitet wurden, untersuchte die Studie nicht.⁴


Wann sollte Essverhalten fachlich abgeklärt werden?

Eine ärztliche und psychotherapeutische Einschätzung ist besonders wichtig bei Essanfällen, Erbrechen, stark eingeschränktem Essen, ausgeprägter Angst vor Gewichtszunahme oder einer aktuellen oder früheren Essstörung. Auch wenn aufgrund des verringerten Appetits nur noch sehr wenig gegessen wird, sollte dies ärztlich abgeklärt werden.


Kann psychologische Begleitung eine GLP-1-Behandlung ersetzen?

Nein. Ob ein GLP-1-Medikament medizinisch angezeigt ist und wie die Behandlung durchgeführt wird, gehört in ärztliche Hände. Psychologische Begleitung kann sich mit emotionalem Essen, Stress, Scham, Körperbild oder belastenden Gewohnheiten befassen. Medizinische Behandlung und psychologische Begleitung können sich ergänzen, übernehmen aber unterschiedliche Aufgaben.


Hinweis: Als Heilpraktiker für Psychotherapie (HeilprG) gebe ich keine Heilversprechen ab. Weder Linderung noch Besserung können garantiert werden. Die Begleitung in meiner Praxis dient der psychologischen Unterstützung und der Aktivierung eigener Ressourcen. Sie ersetzt keine ärztliche oder psychiatrische Behandlung und keine Psychotherapie durch approbierte Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten, kann aber eine sinnvolle Ergänzung sein. Die Inhalte dieses Beitrags dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle fachliche Einschätzung oder Begleitung.

Quellen & weiterführende Literatur für Interessierte

  1. Celletti, F., Farrar, J. & De Regil, L. (2026): World Health Organization Guideline on the Use and Indications of Glucagon-Like Peptide-1 Therapies for the Treatment of Obesity in Adults. JAMA, 335(5), 434–438.

  2. Koide, Y., Kato, T., Hayashi, M., Daido, H., Maruyama, T., Ishihara, T., Nishimura, K., Tsunekawa, S. & Yabe, D. (2025): Association Between Eating Behavior Patterns and the Therapeutic Efficacy of GLP-1 Receptor Agonists in Individuals With Type 2 Diabetes: A Multicenter Prospective Observational Study. Frontiers in Clinical Diabetes and Healthcare, 6, 1638681.

  3. de Vere Hunt, I., Ramirez-Posada, M., Babu, C. S., Brown-Johnson, C., Linos, E. & Rodriguez, F. (2026): Patient Experiences With GLP-1 Receptor Agonists. JAMA Network Open, 9(6), e2616951.

  4. Wilding, J. P. H., Batterham, R. L., Davies, M., Van Gaal, L. F., Kandler, K., Konakli, K., Lingvay, I., McGowan, B. M., Kalayci Oral, T., Rosenstock, J., Wadden, T. A., Wharton, S., Yokote, K. & Kushner, R. F. (2022): Weight Regain and Cardiometabolic Effects After Withdrawal of Semaglutide: The STEP 1 Trial Extension. Diabetes, Obesity and Metabolism, 24(8), 1553–1564.

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