Dynamik oder Struktur: Was hinter dem Verhaltensmuster des anderen stecken kann
- Patrick Georg

- 3. Apr.
- 6 Min. Lesezeit

Auf einen Blick: Was Sie heute mitnehmen können
Etikett oder Erleben: Warum der Begriff „toxisch" eine Beziehungsdynamik beschreibt – aber keine Diagnose ist.
Der Unterschied, der zählt: Was sich verändert, wenn man zwischen einer Dynamik und einer tief verwurzelten Persönlichkeitsstruktur unterscheidet.
ICD-11: Was der Wandel im klinischen Blick für das Verständnis von Persönlichkeit bedeutet – und warum das auch für Sie relevant sein kann.
Ihre Handlungsfähigkeit: Warum der entscheidende Fokus in einer schwierigen Beziehung auf dem liegt, was Sie selbst beeinflussen können.
Es gibt Momente, in denen Sie aufgehört haben zu verstehen, warum jemand so reagiert. Nicht weil Sie es nicht versucht hätten. Sie haben erklärt, zugehört, sich angepasst, zurückgezogen, konfrontiert. Nichts hat dauerhaft geholfen. Das Muster kommt zurück.
Irgendwann beginnen Menschen in solchen Momenten, ein bestimmtest Wort zu benutzen: "toxisch". Als Beschreibung für das, was erlebt wird. Als Versuch, dem Etwas einen Namen zu geben, was sich schwer greifen lässt.
In meiner Privatpraxis für Psychotherapie (HeilprG) in Rosenheim begegnet mir das oft. Menschen, die nach Sprache suchen für etwas, das sie erschöpft – und die gleichzeitig spüren, dass das Wort „toxisch" zwar beschreibt, wie es sich anfühlt, aber nicht wirklich erklärt, was passiert.
Das Erklären ist nicht nur akademisch interessant. Es hat praktische Folgen, weil es beeinflusst, was möglich sein kann.
Das Wort „toxisch" und was es wirklich beschreibt
„Toxisch" ist kein klinischer Begriff. Er kommt nicht aus einem Diagnosemanual, er beschreibt keine Persönlichkeitsstruktur, und er sagt nichts darüber aus, ob jemand krank ist oder eine Behandlung braucht.
Was er beschreibt, ist eine Erfahrung. Eine Beziehungsdynamik, in der mindestens eine Person – oft beide – dauerhaft Energie verliert. In der Selbstwert, Sicherheit und Klarheit unter Druck geraten. In der das Gleichgewicht dauerhaft verschoben ist.
Das ist real. Das ist ernst zu nehmen. Und zugleich ist es wichtig zu wissen, dass dasselbe Erleben von sehr unterschiedlichen Konstellationen erzeugt werden kann. Manchmal ist es eine Situation, die beide Partner überfordert und Muster hervorruft, die keiner von ihnen so gewählt hat. Manchmal liegen tiefer verwurzelte Persönlichkeitsstrukturen dahinter, die eine andere Qualität haben.
Dieser Unterschied entscheidet, was realistisch möglich ist.
Wenn das Verhalten ein Muster hat
In der klinischen Psychologie wird von einer Persönlichkeitsstörung gesprochen, wenn Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster so tief verankert sind, dass sie in fast allen Lebensbereichen auftauchen – und nicht nur situativ. Sie sind ich-synton: Das bedeutet, die Person erlebt sie als Teil von sich, nicht als etwas, das ihr fremd ist.
Das ist ein bedeutsamer Unterschied zu einem schwierigen Muster, das in einer bestimmten Beziehung oder unter bestimmten Bedingungen auftaucht. Strukturelle Besonderheiten prägen, wie jemand grundsätzlich andere Menschen erlebt, wie stabil das eigene Selbstbild ist, wie flexibel auf Stress reagiert werden kann.
Ein oft genannter Begriff in diesem Zusammenhang ist narzisstische Persönlichkeitsstruktur. Was die Forschung dazu zeigt – unter anderen bei Otto Kernberg und Heinz Kohut – ist interessant: Hinter einer fassadenhaft starken Außenpräsentation liegt oft eine tiefe Verletzlichkeit des Selbstwerts.¹ Grandiosität ist dann kein Zeichen von Stärke, sondern ein Schutzmechanismus für ein inneres System, das sich als fundamental bedroht erlebt.
Das erklärt nicht alles. Und es rechtfertigt nichts. Aber es verschiebt die Frage von „Warum tut jemand das?" hin zu „Was schützt dieses Verhalten?". Das ist ein kleiner Unterschied – und manchmal ein sehr hilfreicher.
Der Wandel im klinischen Blick: Was die ICD-11 verändert
Die Weltgesundheitsorganisation hat mit der aktuellen Revision ihrer Klassifikation (ICD-11) einen bedeutsamen Schritt vollzogen: weg von starren Kategorien, hin zu einem dimensionalen Verständnis.²
Statt einzelner Persönlichkeitsstörungen mit klaren Grenzen wird nun nach Schweregrad und Qualität der Beeinträchtigung geschaut. Wie stabil ist das Selbstbild? Wie gut gelingt Empathie – das Einnehmen der Perspektive anderer? Wie flexibel kann mit Stress umgegangen werden?
Was das bedeutet: Persönlichkeit wird nicht mehr als Schublade behandelt, sondern als Spektrum. Das schafft Raum – für Nuancen, für Entwicklung, für das Verstehen ohne Abstempeln.
In der Begleitarbeit in meiner Praxis in Rosenheim ist das relevant, weil es die Richtung verändert: nicht „Was hat der andere?", sondern „Was passiert in diesem System – und was kann sich verändern?". Mehr zur Arbeit mit Beziehungsdynamiken finden Sie auf meiner Seite zur Paartherapie Rosenheim.
Der Blick nach innen: Ihre Handlungsfähigkeit im Zentrum
Es gibt eine Versuchung in schwierigen Beziehungskonstellationen: den anderen zu verstehen, zu erklären, zu kategorisieren. In der Hoffnung, dass das Verstehen etwas verändert.
Manchmal tut es das. Häufiger nicht.
Was in meiner Arbeit mit Menschen in solchen Situationen trägt, ist der Fokus auf das, was die Person selbst beeinflussen kann. Nicht was der andere tut – sondern wie sie selber reagiert. Welche Grenzen sie setzt. Wo ihre eigenen Muster ins Spiel kommen, die die Dynamik mitformen.
Das bedeutet nicht, dass die Verantwortung auf derjenigen Person liegt, die leidet. Das wäre falsch. Es bedeutet, dass Handlungsfähigkeit dort anfängt, wo Einfluss besteht. Und das ist – unabhängig davon, was der andere hat oder nicht hat – immer bei einem selbst.
Ein hilfreicher Ansatz dabei: die eigenen Reaktionen beobachten, nicht als Fehler, sondern als Information. Was triggert mich? Was veranlasst mich dazu, zurückzuweichen, zu kämpfen oder zu erstarren? Was davon gehört zur aktuellen Situation – und was bringe ich aus einer älteren Geschichte mit?
Impulse für Ihren Alltag
Wenn Sie in einer Beziehungsdynamik stecken, die Sie erschöpft, können diese Ansätze erste Orientierung bieten:
Den Fokus verlagern. Weniger: Was hat der andere? Mehr: Wie fühle ich mich in dieser Beziehung? Was verliere ich dabei? Das ist keine Schuldfrage – es ist eine Qualitätsfrage.
Grenzen als Information nutzen. Wo fühlen sich Grenzen besonders schwer zu halten? Wo werden sie regelmäßig übergangen, ohne dass Sie es benennen? Das sagt etwas – über die Dynamik und über eigene Muster.
Reaktionsmuster beobachten. Schreiben Sie nach einer schwierigen Situation auf, was passiert ist – nicht was der andere getan hat, sondern was in Ihnen abgelaufen ist. Das erzeugt mit der Zeit ein Bild, das aufschlussreich sein kann.
Das eigene Fundament pflegen. Was gibt Ihnen Stabilität, unabhängig von dieser Beziehung? Menschen, Aktivitäten, Routinen, die Ihnen gehören. In belastenden Dynamiken schrumpft dieses Fundament häufig – und das wäre zu bemerken.
Unterstützung von außen. Nicht weil Sie allein nicht können. Sondern weil ein System sich von innen nur schwer klar betrachten lässt.
Begleitung in Rosenheim
Das, was Sie in einer schwierigen Konstellation beeinflussen können, ist mehr, als es sich anfühlt. Ein erstes Gespräch kann zeigen, wo dieser Spielraum beginnt.
Ich lade Sie zu einem kostenlosen telefonischen Erstgespräch ein – einem ersten, vertraulichen Gespräch, in dem Sie in Ruhe schauen können, ob sich der Kontakt richtig anfühlt und ob das, was Sie beschäftigt, hier einen Platz hat. Ohne Verpflichtung, in Ihrem eigenen Tempo.
Für weitere Informationen besuchen Sie auch gerne meine Website unter www.patrickgeorg.de.
Fragen, die mir Klienten zu diesem Thema häufig stellen (FAQ)
Kann ich meinen Partner mit einem Blogbeitrag einschätzen – ob er eine Persönlichkeitsstörung hat?
Nein – und das wäre auch nicht hilfreich. Diagnosen sind klinische Einschätzungen, die Zeit, Kontext und professionelle Beurteilung brauchen. Was ein Beitrag wie dieser leisten kann, ist ein erstes Verständnis von Dynamiken – nicht die Einordnung eines Menschen. Der Fokus auf das eigene Erleben ist hier der tragfähigere Ausgangspunkt.
Was verändert sich, wenn ich weiß, dass der andere eine Persönlichkeitsstruktur hat, die sich kaum verändert?
Manchmal verändert es die Erwartungen. Das kann entlastend sein: wenn man aufhört, auf eine Veränderung zu warten, die nicht kommt, entsteht manchmal mehr Klarheit über die eigene Entscheidung. Das ist keine Aufgabe der Hoffnung – es ist ein realistischer Blick auf das, was möglich ist.
Ich bin mir nicht sicher, ob es eine schwierige Dynamik ist oder etwas Strukturelles. Macht das für die Begleitung einen Unterschied?
Für den Einstieg nicht wesentlich. In der Begleitung schauen wir auf das, was Sie erleben – und von dort aus entwickelt sich, was hilfreiche Fragen sind. Die Einordnung folgt dem Erleben, nicht umgekehrt.
Warum haben manche Menschen narzisstische Züge – und was hat das mit ihrer Kindheit zu tun?
Aus klinischer Sicht deuten viele Ansätze darauf hin, dass narzisstische Strukturen oft als früher Schutz entstehen – für einen Selbstwert, der sich als verletzlich oder nicht sicher erlebt hat. Das erklärt das Verhalten, rechtfertigt es aber nicht und verändert auch nicht, was es mit dem Partner macht.
Was kann ich tun, wenn ich vermute, dass mein Partner eine Persönlichkeitsstörung hat?
Zunächst: Diese Einordnung gehört in professionelle Hände – eine Diagnose lässt sich aus einer Beziehungsperspektive heraus nicht stellen. Was ich in der Begleitung tun kann: gemeinsam schauen, was Sie in der Dynamik erleben, welche eigenen Muster dabei eine Rolle spielen, und welche Handlungsmöglichkeiten Sie haben – unabhängig davon, ob eine Diagnose vorliegt oder nicht.
Hinweis: Als Heilpraktiker für Psychotherapie (HeilprG) gebe ich keine Heilversprechen ab. Weder Linderung noch Besserung können garantiert werden. Die Begleitung in meiner Praxis dient der psychologischen Unterstützung und der Aktivierung eigener Ressourcen – sie ersetzt keine fachärztliche oder psychiatrische Behandlung und keine Psychotherapie nach dem Psychotherapeutengesetz, kann aber eine sinnvolle Ergänzung sein. Die Inhalte dieses Beitrags dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle therapeutische Begleitung.
Quellen & weiterführende Literatur für Interessierte:
Kernberg, O. F. (2006). Narzissmus, Aggression und Selbstzerstörung. Klett-Cotta.
Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2022). International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics (11th Revision – ICD-11).
Schulz von Thun, F. (1998). Miteinander reden 3: Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Stahl, S. (2017). Das Kind in dir muss Heimat finden. Kailash Verlag.
Bowlby, J. (2005). Frühe Bindung und kindliche Entwicklung. Ernst Reinhardt Verlag.
KI-gestützter Content – Mit Herz und Verstand von mir überarbeitet.
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